Pilze sammeln mit Pilz-Joe

Pilze sammeln: Unterwegs mit Pilz-Joe

Es begann mit einer WhatsApp-Nachricht: „Du brauchst eine wasserdichte Regenhose. Aber viel mehr noch möglichst wasserdichte Stiefel. Ansonsten ein kleines Obstkörbchen und ein Taschenmesser“, schrieb mir Pilz-Joe Anfang November. Ein paar Tage später treffen wir uns zum Pilze sammeln – und landen im Maronen- und Steinpilzparadies.

Pilze sammeln: Prächtige Steinpilze
Prächtige Steinpilze: Pilz-Joe ist fündig geworden

Vorsichtig dreht Pilz-Joe den Steinpilz aus dem Boden. Mit einem leichten Knacken löst er den Fruchtkörper behutsam vom Wurzelgeflecht. Wie eine Trophäe hält er den Pilz in der Hand: „Es ist so ein schönes Gefühl Steinpilze zu finden“, sagt er. Mit seinem Taschenmesser schneidet Pilz-Joe das untere Ende der Frucht ab und befreit sie von Erde und Moos. „Es lohnt sich Pilze immer gleich im Wald zu putzen, dann hat man keinen Dreck im Korb und zu Hause weniger Arbeit“, erklärt er. Anschließend legt er den geputzten Pilz in seinen Holzkorb, den er immer dabei hat, wenn er sammeln geht. Bevor die Pilzsuche weitergeht nimmt er noch etwas Laub, legt es auf das entstandene Loch und drückt es leicht fest. Warum ist das wichtig Joe? „Aus Respekt vor dem Wald und damit das unterirdisch wachsende Pilzgeflecht erhalten bleibt. Nur dann kann schon bald ein neuer Fruchtkörper aus dem Boden wachsen.“

Pilze sammeln nahe Berlin

Wir sind in einem Waldstück, südlich von Berlin, mit der Bahn gut 30 Minuten vom Ostkreuz entfernt. „Du musst mir versprechen, dass du den genauen Ort nicht verrätst“, sagt er. Pilzsammlerfolklore. Die Sonne scheint nochmal hell an diesem, für den Spätherbst warmen Novembervormittag. „Eigentlich ist es ungewöhnlich, dass es so spät im Jahr noch immer Steinpilze gibt, aber das Wetter passt gerade perfekt und es gab noch keinen Frost.“

Pilze sammeln in der Nähe von Berlin
Die Sonne scheint hell an diesem Tag im Spätherbst

Die wärmenden Sonnenstrahlen erreichen den moosbedeckten Waldboden, auf dem jede Menge Menge Totholz liegt. Die Bäume um uns herum sind unterschiedlich alt. Vor allem sind es Kiefern, aber auch einige Eichen sind dabei. “Steinpilze lieben solche Orte. Hier haben wir die Chance noch weitere zu finden“, lerne ich von Pilz-Joe.

Mit scharfem Blick bewegt sich Pilz-Joe achtsam um die Stelle, an der er den Steinpilz entdeckt hat. „Wo einer ist, sind oft noch weitere“, sagt er. „Das liegt am Myzel, einem unter der Oberfläche verborgenen Pilzgeflecht, das sich an die Wurzeln der Bäume anschließt. Der Steinpilz lebt in Symbiose mit den Bäumen.“ Mit den Tipps von Pilz-Joe mache ich mich auch auf die Suche. Leicht versteckt im Moos unweit einer Eiche finde ich den ersten Steinpilz meines Lebens. Und was für einen. Ein echtes Prachtexemplar. Anfängerglück würde ich sagen.

Plastiktüten sind ein No-Go

„Komm, wir müssen“, sagt Pilz-Joe nach einiger Zeit und greift nach seinem Korb. „Ich will dir noch einen Maronen-Spot zeigen.“ Auf unserem Weg durch den Wald treffen wir andere Pilzsammler. Ein paar davon sind mit Plastiktüten unterwegs. „Ein absolutes No-Go beim Pilze sammeln“, sagt Pilz-Joe. „Darin verderben die Pilze sehr schnell. In einem guten Pilzkorb bekommen die Pilze von allen Seiten Luft und bleiben dadurch frisch.“

Der Wald hat sich inzwischen stark verändert. Wir sind jetzt in einem reinen Kiefernwald und befinden uns mitten im Maronenparadies. Pilze suchen kann man es nicht wirklich nennen – ernten trifft es eher. Unser Körbe sind schnell gut gefüllt mit leckeren Maronen. „Nicht, dass du jetzt einen falschen Eindruck bekommst“, warnt Pilz-Joe. „Es gab auch schon Jahre, da habe ich keine einzige Marone gefunden.“

Er schaut auf die Uhr. Es ist kurz nach 15:00 Uhr. Langsam fängt es an zu dämmern. Wir gehen zurück zum Bahnhof. Ein herrlicher Tag. Dazu passt, dass im Laufe des Abends immer klarer wird, dass ein anderer Joe – Joe Biden – 46. Präsident der Vereinigten Staaten wird.

Am nächsten Tag bekomme ich eine weitere WhatsApp-Nachricht: „Könnte gleich wieder auf Steinpilzsuche gehen, aber die Saison neigt sich dem Ende“, schreibt Pilz-Joe. Gefolgt von einem Screenshot der Wettervorhersage für die nächsten Tage und den Worten: „Zumindest bleibt es über null“. Eine kleine Chance, dass wir dieses Jahr nochmal in die Pilze gehen, gibt es also noch.

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