„Vögel füttern leistet keinen Beitrag zum Artenschutz“

Der Winter ist da. Soll man die heimischen Vögel im Garten und dem Balkon füttern oder besser nicht? Darüber habe ich mit Malte Tschertner gesprochen. Der Tierpfleger ist einer von 4 Expert*innen der Wildvogelstation des NABU in Berlin, die Bürger*innen am Telefon in allen Fragen zu Wildvögeln beraten.

Malte, es ist ganz schön kalt geworden in den vergangenen Tagen. Soll ich ein Futterhäuschen für Vögel aufstellen?

Solange es keine geschlossene Schneedecke gibt, was bei uns ja sowieso selten geworden ist, finden Vögel eigentlich immer Futter. Und Kälte macht den Tieren überhaupt nichts aus, weil sie zwischen Haut und Gefieder eine Art Luftpolster haben, das sie kontinuierlich warm hält. Als naturpädagogische Maßnahme wäre das Aufstellen eines Futterhauses aber absolut sinnvoll. Dann kannst du beispielsweise Meisen, Spatzen, Elstern oder Eichelhäher aus der Nähe beobachten. Einen Beitrag zum Artenschutz leistet das aber nicht.

Mit einem Vogelhaus kann man heimische Vögel, wie die Elster, wunderbar aus der Nähe beobachten. © Malte Tschertner

Warum?

Man muss sich vor Augen halten, dass es in Städten etwa 10 bis 15 Vogelarten gibt, die Futterhäuser aufsuchen. Und das sind vor allem die robusten Arten, nicht die Seltenen, denen es besonders schlecht geht. Das heisst, man tut mit dem Aufstellen eines Futterhauses nicht der gesamten Vogelwelt was Gutes, sondern nur den wenigen Arten, die Futterhäuser überhaupt aufsuchen.

Mal schnell die Vogelwelt retten ist also nicht. Was wäre wichtiger als das Aufstellen von Futterhäuschen?

Von Vorteil für die Vogelwelt wären reich strukturierte, naturnahe Gärten mit einem heimischen Pflanzenbestand. Dadurch generiert man automatisch Futtermittel für die Tiere. Wenn man also über einen Garten verfügt und der Vogelwelt etwas Gutes tun möchte, sollte man Hecken, Sträucher und Bäume anlegen, die noch im Spätherbst Beeren tragen. Nichts gegen das Futterhaus, aber ein naturnahes Umfeld ist die beste Möglichkeit um Vögeln im Herbst und Winter Futter- und Rastplätze zu bieten.

Laut euren Zahlen geben die Leute jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag für Futterhäuschen aus. Welche Tipps kann man ihnen geben?

Wenn man sich ein Futterhaus zulegen möchte, um Vögel zu beobachten, gibt es ein paar Punkte zu beachten. Das ist zum einen der Standort des Futterhauses. Die Wahl der Futtermittel abhängig von der Jahreszeit. Und die Hygienemaßnahmen.

Was ist beim Standort zu beachten?

Manche Leute stellen das Futterhaus einen Meter von der Fensterscheibe entfernt auf, um die Vögel möglichst gut beobachten zu können – und wundern sich dann, dass die Tiere gegen die Scheibe fliegen. Man muss wissen, dass die meisten Vögel dezentral im Gelände nach Futter suchen. Wenn man dann einen Ort schafft, an dem alle Vögel zusammenkommen, lockt das natürlich auch Feinde an. Deshalb ist es wichtig darauf zu achten, dass die Tiere nicht an eine Fensterscheibe fliegen, wenn sie aufgeschreckt werden. Außerdem ist es wichtig, dass das Futterhaus erhöht steht, um die Vögel vor anderen Säugetieren, wie Katzen zu schützen. Und das Futterhaus muss überdacht und witterungsgeschützt sein. Was immer gut ist, das Futterhaus nicht freistehend aufzustellen, weil die meisten Vögel sich aus Gebüschen oder Bäumen annähern. Größere Bäume und Büsche sollten natürlich nicht direkt am Futterhaus stehen, damit Prädatoren darüber nicht ans Futterhaus klettern können.

Was fressen denn die Vögel, die zum Futterhaus kommen?

Man kann drei Arten von Fressern unterscheiden: Es gibt die Weichfutterfresser, Körnerfresser und Allesfresser. Was man grundsätzlich unbedingt beachten muss ist, dass fast alle Jungvögel mit lebenden Insekten ernährt werden. Im Sommer sind die meisten Vögel deshalb auf der Suche nach Insekten. Das heisst, wenn man Vögel im Sommer füttern möchte, muss man lebende Insekten bereitstellen – oder auf das Füttern verzichten. Alles andere bringt dem Nachwuchs nichts und schadet im schlimmsten Fall.

Und im Winter?

Für die Weichfutterfresser, wie das Rotkehlchen, die Schwarzdrosseln oder den Star, eignen sich Obst und Rosinen, aber auch Sämereien, wenn sie ganz klein und fein sind. Der Gegenpol sind die Körnerfresser, wie Sperlinge oder Finken. Ihnen sollte man Leinsamen, Mohn, Hirse, Hanfsamen, Nüsse oder Sonnenblumenkerne bereitstellen. Das sind hochwertige Futtermittel, die gut abzuschlucken sind. Dazwischen liegen die Allesfresser, dazu gehören Meisen, Spechte und Kleiber. Für sie eignen sich Obst und kleine Sämereien. Wichtig ist es, immer auf die Schnabelgröße der Tiere zu achten. Und noch etwas sollte man beachten: Die Körnermischungen müssen unbedingt Ambrosiasamen frei sein, denn die Pollen dieser Pflanze führen schon in minimaler Konzentration zu schweren Allergieverläufen.

Für die richtige Fütterung ist es wichtig auf die Schnabelgröße der Tiere zu achten. © Malte Tschertner

Was hältst du von Meisenknödeln?

Das ist natürlich ein Klassiker, aber von Meisenknödeln im Plastiknetz kann ich nur warnen. Wenn die Vögel die Futterstelle ruckartig verlassen müssen, besteht immer die Möglichkeit, dass sie hängen bleiben und sich dabei schwer verletzen. Und ein immer größeres Problem ist, dass die Tiere beim Nestbau das Plastik mit eintragen. Das heisst, im Nistmaterial werden Plastikschnüre mit verbaut, was dazu führt, dass es im Sommer unglaublich viele Fälle, in denen Vögel im Nest festhängen oder Abschnürungen an den Beinen haben. Und zwar deshalb, weil sie daran hängen bleiben und die Plastikschnüre nicht selber zerreißen können. Mein dringender Rat: Fütterung für Vögel bitte immer plastikfrei anbieten. Und es kommt noch etwas dazu. Meisenknödeln beinhalten oft sehr fettreiche Kost, die bei manchen Vogelarten zu einer Verminderung des Bruterfolgs führt. Deshalb sollte man statt Meisenknödel lieber eine adequate Körnermischung verwenden.

Welche Hygienemaßnahmen sollte man denn beachten?

Die meisten Vögel, insbesondere die Insekten- und Fleischfresser, beziehen einen Großteil ihres Wasserbedarfs aus der Nahrung. Sie trinken also gar nicht so viel, sondern lecken beispielsweise den Tau von den Blättern. Diese Vögel fliegen daher auch nicht unbedingt die Wasserstelle am Futterhaus an. Ganz anders ist es bei den Körnerfressern. Sie haben einen erhöhten Wasserbedarf, weil sie trockene Körner fressen. Dadurch, dass eine Vielzahl von Vögeln eine Wasserstelle anfliegen, besteht eine erhöhte Ansteckungsgefahr, zum Beispiel für Salmonellen oder die Parasitose Gelber Knopf. Eine ganz wichtige Maßnahme ist daher die regelmäßige Reinigung der Wasserstelle. Am einfachsten ist es, man hat zwei Wasserschalen und wechselt sie jeden Morgen aus.

Hast du einen Tipp für die Reinigung?

Einfach kochendes Wasser in die Wasserschalen eingießen, auswischen und anschließend in die Sonne stellen, da UV-Licht eine desinfizierende Wirkung besitzt. Das ist kein großer zeitlicher Aufwand und man sorgt dafür gesorgt dass die Erregerkonzentration in der Wasserschale gering ist. Um keine Rückstände für Vögel zu hinterlassen, sollte man übrigens auf keinen Fall Wasserschalen mit chemischen Reinigungsmitteln sauber machen.

Und was ist mit dem Futterhaus?

Dafür gleich eigentlich das Gleiche. Wichtig ist, nicht zu viel Futter reinzulegen, lieber nachzulegen, wenn es alle ist. Dann kann man das Futterhaus auch besser sauber machen. Und das geht am besten so: Zuerst mit einer Bürste oder einem Schwamm reinigen, das entfernt schon über 90 Prozent aller Krankheitserreger und Gefahrenquellen. Und nach der mechanischen Reinigung mit kochendem Wasser desinfizieren und abtrocknen lassen. Das reicht schon aus.

Sind Futtersilos und Futterspender besser als Futterhäuser? 

Bei denen ist der Vorteil, das die Tiere nicht über das Futter laufen können und sich so Kot und Krankheitserreger schwerer ausbreiten können. Es gibt aus meiner Sicht aber auch Nachteile, wie Futtersilos aus Drahtgeflecht. An denen können einige Vogelarten, wie Stare, bei niedrigem Füllstand hängen bleiben. Und manche Vogelarten wie wildlebende Taubenarten, zum Beispiel die Ringeltaube und die Türkentaube, können das Futter so nicht mehr erreichen. Deswegen präferiere ich gut gewartete, regelmäßig gereinigte Futterhäuser. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.